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Beim Thema Bibliotheksformen denkt man nicht sofort an Gefangenenbibliotheken. Genaue Vorgaben gibt es nicht. Jedoch muss den Gefangenen der Besuch in einer Bibliothek ermöglicht werden. Da bietet es sich an, direkt in der Justizvollzugsanstalt eine Bibliothek aufzubauen.

In Nordrhein-Westfalen gibt es jedoch nur zwei Bibliothekare, die Gefangenenbibliotheken betreuen. Daher traf der Besuch von Dana Jaschke bei den Fachangestellten für Medien und Informationsdienste (FAMI) auf großes Interesse.

Lesen Sie dazu mehr aus Sicht von Vanessa Groß auf der nachfolgenden Seite!

Als das Thema der verschiedenen Bibliotheksformen aufkommt, wird Fachkundelehrerin Tanja Haas kurz nachdenklich: „Am liebsten hätte ich auch jemanden, der Ihnen was über Gefangenenbibliotheken erzählt - aber da gibt es leider nur zwei Bibliothekare in NRW, da wird das wohl etwas schwierig sein.”

Was ist also fast so gut, wie einen Experten direkt zu hören? Ganz einfach: jemanden finden, der mit mindestens einem von beiden gesprochen hat. Und so wurde Dana Jaschke, Bibliothekarin aus der Stadtbibliothek Siegen, eingeladen. Im Jahr 2015 hat sie ihre Abschlussarbeit zum Thema Gefangenenbibliotheken (wichtig: nicht Gefängnisbibliotheken - diese werden von Gefangenen, nicht für Gefangene geführt) verfasst, dafür mehrere dieser Bibliotheken direkt besucht und eng mit Gerhard Peschers, dem Leiter der Gefangenenbibliothek in der Justizvollzugsanstalt Münster, zusammengearbeitet.

Zuerst ein paar allgemeine Informationen zum Justizvollzug in Nordrhein-Westfalen: 25 Prozent aller Gefangenen Deutschlands in den 36 Gefängnissen mit fünf Zweigstellen und 18 Außenstellen. Sechs Prozent der Gefangenen sind Frauen. Die Auswahl der Medien ist anders als erwartet nicht an den Nutzerkreis angepasst. Die Gefangenenbibliotheken haben allesamt breit gefächerte Angebote, die hauptsächlich der Unterhaltung dienen.

Die Fachstellen Köln und Münster, in denen jeweils eine Fachkraft arbeitet, betreuen dabei alle Gefangenenbibliotheken als Fachaufsicht für das Justizministerium. In den insgesamt etwa 50 Bibliotheken befinden sich jeweils etwa 1000 bis 12.000 Medien, also insgesamt 240.000 Medien. Von 2014 bis 2019 wurde in allen Bibliotheken das Bibliothekssystem BibliothecaPlus genutzt. In den Jahren 2020 bis 2023 wurde außerdem ein einheitlicher Zentralkatalog für alle Bibliotheken und ihre Medien eingeführt.

Das Justizministerium finanziert die Gefangenenbibliotheken, so zum Beispiel 2015 mit 90.000 Euro. An der Zahl, wie viele Personen die jeweilige Bibliothek nutzen ist die Grundlage für die Aufteilung des Betrages. Auch der Förderverein Gefangenenbibliotheken e.V., welcher seit 2006 besteht, unterstützt die Gefangenenbibliotheken. Alleine 2020 stellte der Verein den Anstalten 200.000 Euro zur freien Verfügung.

Die Gefangenenbibiothek der JVA Münster, in welcher es 528 Haftplätze gibt, lag zuerst sehr zentral im panoptisch gebauten, denkmalgeschützten Bau und wurde 2007 sogar als Bibliothek des Jahres ausgezeichnet. Die Freihandbibliothek war im Organigramm der JVA dem Fachdienst zugeteilt und beschäftigte drei Insassen. Einmal die Woche konnten die Gefangenen in Kleingruppen 15 Minuten die Bibliothek besuchen. Die Nutzerquote lag dabei bei etwa 80 bis 90 Prozent. Zudem fanden regelmäßig Veranstaltungen statt, so unter anderem die Nacht der Bibliotheken in 2007, Lesungen und auch ein Vortrag von Horst Köhler. Eine Kooperation mit der Stadtbibliothek Münster besteht seit 2006.

Das Gebäude musste ab 2016 evakuiert werden. Doch schließlich kehrte 2018 nach den Gefangenen auch die Bibliothek zurück. Seit 2019 gibt es keine Betreuung mehr durch Fachpersonal und die Bibliothek wurde leider an eine schwer zugängliche Stelle verlegt, was dazu führt, dass nun nur noch der direkt angrenzende Flügel Zugang zur Freihandausleihe hat, die restlichen Gefangenen leihen nun mithilfe von Formularen aus.

In der JVA Köln, die mit 1132 Haftplätzen die größte in NRW ist, ist die Gefangenenbibliothek im Organigramm der Haushaltsabteilung zugeordnet. Das führt dazu, dass die Bibliothek, eine reine Magazinbibliothek. Die Medien stehen also direkt neben dem Bereich, in dem die elektronischen Geräte, die die Gefangenen nutzen, auf ihre Sicherheit überprüft werden.

Es sind insgesamt sieben Gefangene in der Bibliothek beschäftigt, welche auch hier die Katalogisierung mithilfe von EKZ-CD-ROMs durchführen und außerdem die Bestellungen der anderen Gefangenen bearbeiten. Diese Bestellungen werden mithilfe eines gedruckten Katalogs und eines Formulars getätigt.

In Köln ist innerhalb der insgesamt 12.176 Medieneinheiten besonders auch der fremdsprachige Bestand aus 1421 Medieneinheiten auf insgesamt 22 Sprachen zu finden. 2015 gab es so von 535 Personen etwa 27000 Entleihungen.

Jaschke zeigte noch weitere Bilder von Gefangenenbibliotheken, so etwa aus Dortmund, Bottrop, oder Berlin, wo seit 2013 als erste Gefangenenbibliothek mit RFID gearbeitet wird und es außerdem Internetzugang und eine Kooperation mit der Landesbibliothek gibt.

Ein besonderer Hinweis galt der Tatsache, dass Buchspenden für Gefangenenbibliotheken meist einen zu hohen bürokratischen Aufwand bedeuten, als dass dieser sich lohnen würde. So liefen diese beispielsweise in Münster statt eines Geschenkes lange Zeit als Dauerleihgabe.

Text/Foto: Vanessa Groß